Die letzte Flaschenpost – der letzte Satz ist geschrieben

Der letzte Satz leuchtet schwarz vom weißen Bildschirm. Die Gefühle sind mannigfaltig. Stolz, Erleichterung, etwas wie Atemnot und der erste Hauch von Leere.
So etwas kennt man vom Lesen, wenn einem die Figuren ans Herz gewachsen sind (Buchempfehlung am Rande: A little life von Hanya Yanagihara). Dann schließt sich der Buchdeckel und die neugewonnen Freunde verschwinden im Regal und aus dem Leben.

Wie extrem es ist, wenn man als Autorin zehn Monate unentwegt über seine Figuren nachgedacht hat, erlebe ich jetzt. Wie reagiert ER darauf, dass SIE plötzlich nicht mehr erreichbar ist? Wie reagiert SIE darauf, wenn SIE erfährt, was in Wirklichkeit passiert ist? Wie lange haben SIE Lust, Flaschenposten hinterherzujagen und wie kann ich SIE dazu verführen, nicht aufzugeben? Beim Kochen, beim Duschen, in der Straßenbahn und beim Arzt habe ich über SIE nachgedacht, IHNEN eine Geschichte, einen Charakter, Freunde, Vorlieben und Macken geschneidert – und dann ist der letzte Satz geschrieben. Ihre Geschichte erzählt. Alle Geheimnisse gelüftet, der Weg in eine unbekannte Zukunft angelegt. Und über was soll ich jetzt nachdenken? (Ich weiß es, aber ich wage es nicht, es auszusprechen: Meine Steuererklärung…)

Bald kommen SIE noch mal auf einen Abstecher zurück, lekotriert, dann korrigiert, auf ein letztes lebendiges Wiedersehen, zur Mutation fähig. Dann sind die einstigen Gedanken manifest im Buch. Können nur durch Lesen wiedererweckt werden. In den Köpfen anderer, für die SIE gedacht waren.

 

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Recherche-Roadtrip am Rhein

Ein Wochenende, zwei Erwachsene, drei Länder, vier Kinder.

Für meinen Roman, der voraussichtlich im Frühjahr nächsten Jahres bei Diederichs erscheinen wird, war ich gerade auf meiner ersten Recherchereise.

Meine Hauptfiguren machen einen Roadtrip am Rhein entlang, und ich bin ihren Spuren gefolgt. Beziehungsweise: Ich habe Spuren gemacht, denen sie folgen, oder welche gesucht, die sie erst noch hinterlassen werden. Beim Schreiben eines Romans verliert die Zeit ihre Beharrlichkeit auf eine Richtung.
Wie lange läuft man vom Lindauer Hauptbahnhof zur Hafenweihnacht (1 Minute), wie kriegt man einen dramatischen Abgang in der Stadt hin (schwingende Messingtüren in ehrwürdiger Bahnhofshalle), wo parkt man, um den Rheinfall von Schaffhausen zu erleben und in welcher Währung zahlt man die Parktickets überhaupt (gebührenpflichter Parkplatz außerhalb der Stadt/ Schweizer Franken) und was stellt man eigentlich an, wenn man ein paar Tage in einem kleinen Städtchen namens Breisach gestrandet ist, das sich selbst Europastadt nennt (Tja. Vielleicht schaut man sich einen Kinderfilm in dem winzigen Lichtspielhaus Engel an, läuft mal eben nach Frankreich rüber, spaziert am Rheinufer entlang oder schaut Youtube-Videos im Hotelzimmer)?

Solchen Fragen bin ich nachgegangen, im Gepäck ein Zwillingskinderwagen, Unmengen an Keksen, Schokobons, Milchbrötchen, Hörspielen und natürlich Kinderbüchern. Denn meine Familie hat mich überall dorthin begleitet, wo ich zielstrebig vorausgegangen bin, um einen Blick hineinzuwerfen und eine Stimmung einzufangen: In Hotels (Basel), Kunstcafés (Lindau), Gartenlauben (Basel), auf Bahnhofsvorplätze (Lindau), durch den Regen (Breisach) und sogar durch den Schnee (im Schwarzwald).

 

 

Es war spannend  und schön und natürlich auch anstrengend. Aber wer ein Kind hat oder zwei oder drei oder, so wie wir, vier, der kann sich das schon denken.

Meine Protagonisten werde ich noch weiterschicken, den Rhein entlang, bis hoch nach Koblenz, vielleicht sogar Köln. Wir werden ihnen folgen. Und ihnen vorausgehen.

Für meinen nächsten Roman wähle ich dann vielleicht als Setting die Transsibirische Eisenbahn, den Kilimandscharo oder einfach eine kleine Urlaubsinsel im Meer. Man soll das Nützliche stets mit dem Schönen verbinden!

Mein Roman auf der Tolino Longlist

Er ruht schon ein paar Jahre in der metaphorischen Schublade, mein Jugendroman „Cara und die Erdkraken“. Zwischen seine Fertigstellung und seine Veröffentlichung sind  – hups! – meine vier reizenden Kinder gerutscht. Aber zum Glück habe ich gute Freunde und Kollegen, die mich auf den Schreibwettbewerb von Tolino und Impress vom Carlsen Verlag aufmerksam gemacht haben. Da konnte ich den Roman kurzerhand hochladen und schauen, was passiert.
Jetzt die erste Nachricht: Er ist in die Longlist gekommen, hat 150 Romane ausgebootet und ist jetzt unter den letzten 30! Da huscht mir doch immer wieder ein stolzes Lächeln übers Gesicht.
Schön! Die liebe Cara und ihre beiden Freunde, die durch ein dummes Missgeschick mitten in den Turbulenzen des Erwachsenwerdens machtgierige Erdkraken zum Leben erweckt haben, tauchen also nun selbst aus der Dunkelheit der Schublade auf, um die Welt zu erobern. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie nicht nur durch die Köpfe der Jury-Mitglieder geistern, sondern bald auch durch die jüngerer Leser, für die ich Cara und die Erdkraken geschaffen habe.