Die letzte Flaschenpost – der letzte Satz ist geschrieben

Der letzte Satz leuchtet schwarz vom weißen Bildschirm. Die Gefühle sind mannigfaltig. Stolz, Erleichterung, etwas wie Atemnot und der erste Hauch von Leere.
So etwas kennt man vom Lesen, wenn einem die Figuren ans Herz gewachsen sind (Buchempfehlung am Rande: A little life von Hanya Yanagihara). Dann schließt sich der Buchdeckel und die neugewonnen Freunde verschwinden im Regal und aus dem Leben.

Wie extrem es ist, wenn man als Autorin zehn Monate unentwegt über seine Figuren nachgedacht hat, erlebe ich jetzt. Wie reagiert ER darauf, dass SIE plötzlich nicht mehr erreichbar ist? Wie reagiert SIE darauf, wenn SIE erfährt, was in Wirklichkeit passiert ist? Wie lange haben SIE Lust, Flaschenposten hinterherzujagen und wie kann ich SIE dazu verführen, nicht aufzugeben? Beim Kochen, beim Duschen, in der Straßenbahn und beim Arzt habe ich über SIE nachgedacht, IHNEN eine Geschichte, einen Charakter, Freunde, Vorlieben und Macken geschneidert – und dann ist der letzte Satz geschrieben. Ihre Geschichte erzählt. Alle Geheimnisse gelüftet, der Weg in eine unbekannte Zukunft angelegt. Und über was soll ich jetzt nachdenken? (Ich weiß es, aber ich wage es nicht, es auszusprechen: Meine Steuererklärung…)

Bald kommen SIE noch mal auf einen Abstecher zurück, lekotriert, dann korrigiert, auf ein letztes lebendiges Wiedersehen, zur Mutation fähig. Dann sind die einstigen Gedanken manifest im Buch. Können nur durch Lesen wiedererweckt werden. In den Köpfen anderer, für die SIE gedacht waren.

 

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