Warum Märchen während der Pandemie so aktuell sind

Die Corona-Pandemie ist eine Naturkatastrophe: Unsere Häuser, Städte, Wälder stehen noch. Kein Erdbeben, Vulkanausbruch, kein Waldbrand hat gewütet – und doch hat sich unser Leben auf den Kopf gestellt. Nichts ist wie vorher. Nichts ist planbar. Und es gibt viel zu viele Tote.

Als ich im Januar 2020 mit der Bearbeitung der Grimm‘schen Märchen für Kinder von heute begann, kamen mir die Szenarien dort grausam vor: Warum hat die Familie von Hänsel und Gretel seit Jahren so wenig zu essen, dass die Eltern ernsthaft überlegen, wer es durch den Winter schaffen soll? Warum begegnen dem Mädchen von Sterntaler auf ihrem Spaziergang lauter unbekleidete, hungernde Kinder? Wie muss es für Rapunzel sein, ihr halbes Leben lang in einem Turm eingesperrt zu sein? Und wie, etwas abgeschwächt, für Aschenputtel, als sie erfährt, sie darf nicht zum Ball, obwohl sie sich so darauf gefreut hatte. Das zumindest können wir heute gut nachempfinden. Aber auch die anderen Situationen sind uns heute nicht mehr so fern wie damals, im Januar, als wir in unserer Komfort-Zone saßen und das Schlimmste, was uns passieren konnte, ein misslungener Haarschnitt beim Friseur war.

Viele der Grimm‘schen Volksmärchen zeigen die Helden als Bedürftige, vom Schicksal Gebeutelte, Schwache. Stiefkinder, Waisen, (vermeintlich) dumme, einfache Menschen. Aber das ist nur die Ausgangssituation. Denn wie wir wissen, machen sie ihren Weg: Durch List und Schläue (wie bei „Hänsel und Gretel“ oder „Sieben auf einen Streich“, „Der gestiefelte Kater“, „Aschenputtel“), durch eine positive Lebenseinstellung (wie bei „Frau Holle“, „Hans im Glück“, „Die Sterntaler“) oder durch geduldiges Ausharren bis sich die Situation von außen ändert („Dornröschen“, „Rapunzel“, „Schneewittchen“, „Rumpelstilzchen“).

Und wie geht es den Kindern während der Pandemie? Schulen und Kindergärten sind von einem Tag auf den anderen geschlossen. Turn- und Schwimmunterricht gestrichen. Spielplätze in den ersten Monaten abgesperrt. Freundetreffen untersagt. Die verlässlichen Abläufe des Alltags fallen weg. Das Leben ist aus den Angeln gehoben. Die Schwächsten trifft es am Härtesten, dass zeigt sich auch in dieser Krise.

Aber Not macht erfinderisch und die Märchen lassen sich wie ein Handlungsplan für Kinder lesen: Ich habe von Kindergeburtstagen gehört, die remote gefeiert wurden, mit Rätselbildern und selbstgemachten Quizz-Shows. Kindergartenkinder, die stundenlang telefonieren, und wie in meiner Heimat, Fastnachtsfeiern, die nach Hause verlegt werden, aber auf einen bestimmten Tag, an dem alle zusammen z.B. das Programm des Carnevalsvereins verfolgen.
Wie Kinder die Pandemie wahrnehmen, kann auch eine Einstellungsfrage sein. Nutzen wir die Gunst der Stunde und unsere Kreativität, um aus den eingefahrenen Mustern auszubrechen und etwas Neues und Besseres zu erschaffen. Von vielen Familien habe ich gehört, dass sie ihr Weihnachtsfest 2020 als gemütlich, besinnlich, familiär und weniger stressig erlebt haben. Unser alljährlicher Laternenlauf mit der großen Kita ist mehr ein Trott im großen Pulk, bei dem niemand singt. Im Coronajahr 2020 war unsere Familie im Wald, die bunten Laternen leuchteten uns den Weg, ein kleines Lagerfeuer mit heißem Kakao und selbstgebackenen Weckmännern – ich habe das erste Mal seit vielen Jahren wieder die Magie und die Heimeligkeit dieses Festes gespürt. Und zu guter Letzt zeigen uns die Märchen, dass sich das geduldige Ausharren und Warten auf den Sommer oder Herbst 2021 lohnen wird. Manchmal kann man nicht viel anderes machen. Auch wenn es einem vorkommt wie ein hundertjähriger Schlaf, wie sehr werden die Kinder nach dem „Aufwachen“ das Spielen mit Freunden genießen? Gemeinsam Herumtollen im Schwimmbad? Kleine Übernachtungspartys!

Die alten Märchen der Grimms waren nicht als Geschichten für Kinder gedacht. Sie sind, wie alle Volksmärchen, eindimensional und geradlinig erzählt, so dass Kinder in der Lage sind, ihnen zu folgen, erzählen aber von Grausamkeiten, die Kinder verstören können. In meiner Märchenadaption „Verhext und wachgeküsst. Grimm’s Märchen für moderne Kinder“ habe ich den Helden einen plastischen Charakter geschenkt und ihre Situationen etwas kindertauglicher gestaltet. Gruselige Stellen werden mit einem Witz abgefedert. Die Grundstrukturen aber habe ich beibehalten, denn die Märchen sind gute Wegweiser fürs Leben. Gerade jetzt in der Pandemie bieten sie den Kindern Orientierung und geben Hoffnung auf ein Happy End.

Veröffentlicht von annikakemmeter

Autorin

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