Über Märchen

Damals wohnten wir bei meiner Oma. Das Haus gehörte eigentlich meinem Onkel und natürlich wohnte außer den beiden und uns auch mein Opa dort, aber wir sagten immer: „Wir wohnen  vorrübergehend bei der Oma“, denn meine Oma war die Seele dieses Hauses. Sie hatte es eingerichtet, sie pflegte und putzte es täglich, jeder Handgriff war eine Selbstverständlichkeit. Ich erinnere mich an den Läufer im Flur mit seinen geheimnisvollen Mustern. Und daran, dass ich auf den braunen Rautenlinien entlangbalancierte, während der Kassettenrekorder „Aschenputtel“ spielte. „Bäumchen rüttel dich und schüttel dich! Wirf Gold und Silber über mich!“ Die Stimme von Aschenputtel war so rein wie ihre Seele, jeder Vokal bekam seinen Platz. So sprach eine junge Frau, die im Herzen schon Prinzessin war, auch wenn sie noch in der Asche schlief. Ich balancierte auf den Rauten und fühlte die Ungerechtigkeit im ganzen Körper. Wie fleißig war Aschenputtel! Sie schluckte tapfer jede Gemeinheit und tat all die furchtbaren Arbeiten, ohne zu murren. Bestimmt hätte das Haus, das sie sauber hielt, ihre unbefleckte Seele gespiegelt, würden die großen Schwestern nicht achtlos den Schmutz von draußen hineintragen. Was scherte es diese beiden? Ich selbst hatte eine große Schwester, der ich mich unterlegen fühlte, machmal sogar ausgeliefert. Ja, ich wusste, wie Aschenputtel zumute war! Der Kassettenrekorder erzählte mir nichts neues. Er stand auf einer Kommode im Esszimmer, genau über der Süßigkeitenschublade. Ich hüpfte auf einem Bein dorthin und zog sie auf. Während meine Oma das Mehl vom Tisch wischte und die Schüsseln ausspülte, nahm ich einen Riegel Kinderschokolade aus der Schublade und schälte ihn aus seiner goldenen Verpackung. In Mattgold waren die Riegel damals eingepackt. Mit Riffeln im Papier, die gut unter den Fingerspitzen zu ertasten waren, sahen sie aus wie Goldbarren. Wertvoll jedenfalls und das waren sie für mich ja auch. Von meinem Opa lagen nur scharfe Bonbons in der Schublade, in hellgrünes Papier verpackt. Die fette, schwarze Schrift auf den Bonbons warnte wahrscheinlich vor dem Verzehr. Ich war aber nicht sicher, denn ich konnte noch nicht lesen. Aschenputtels Mutter sah liebevoll und bekümmert, in eine Schleierwolke gekleidet auf ihre Tochter hinab. Sie sorgte sich selbst nach ihrem Tod um ihre Tochter und versorgte Aschenputtel mit den schönsten Kleidern. Der zauberhafte Haselnussbaum stand ja nicht zufällig auf ihrem Grab. Ich hatte damals ein Kleid, grün mit einem dichten, schwarzen Muster darüber, der Rock schwang nicht sehr aus, aber ich liebte das Kleid und nannte es Hochzeitskleid. Ich hätte es den Vöglein nicht zurückgegeben. Die Süße des Schokoriegels hatte sich in meinem Mund ausgebreitet. Sollte ich noch einen nehmen? Eines war auf jeden Fall klar: Aschenputtel war mein liebstes Märchen. Ich konnte es wieder und wieder anhören. Bis zum heutigen Tag ist es mein Lieblingsmärchen. Wer mich kennt, weiß, dass ich Hausarbeit nur unter Zwang erledige, damals wie heute. Es nicht das Märchen selbst, das ich heute noch liebe, sondern die Erinnerung an das Jahr, in dem ich es bei meiner Oma hörte, die uns mit Liebe und Selbstverständlichkeit umsorgte, stets ein Lächeln im Gesicht, und ohne jemals dabei zu murren.

Meine Arbeit mit den Grimmschen Märchen im ersten Halbjahr 2020 hat Erinnerungen an meine eigene Erfahrung mit Märchen aus Kindertagen geweckt. Wie erinnert ihr euch an Märchen?

Veröffentlicht von annikakemmeter

Autorin

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